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Vier Stationen bis zur Schanze

Katrin, 48 · Hamburg

Um halb sieben war die HafenCity so still, dass man die Möwen über dem Sandtorhafen streiten hörte. Katrin Wendt stand am Fenster ihres Büros im vierten Stock, das Jackett über der Stuhllehne, die Schuhe unter dem Schreibtisch, und sah zu, wie die Abendsonne die Backsteinfassaden der Speicherstadt in ein rostiges Rot tauchte. Achtundvierzig Jahre alt, seit elf Jahren Geschäftsführerin einer Spedition mit hundertvierzig Mitarbeitern, zwei Lagerhallen in Billbrook und einer Flotte, deren Kennzeichen sie im Schlaf aufsagen konnte. Heute hatte sie einen Vertrag mit einer Reederei in Rotterdam unterschrieben, der die Firma für die nächsten fünf Jahre absicherte. Und sie hatte niemanden, mit dem sie darauf anstoßen konnte.

Es klopfte an der Glastür. Jonas Behrens, der Designer, der seit zwei Monaten den neuen Auftritt des Unternehmens entwickelte, lehnte im Rahmen, einen Laptop unter dem Arm, einen Fahrradhelm am Handgelenk. Einunddreißig, dunkle Locken, die er offenbar nie kämmte, und ein Lächeln, das in Präsentationen Budgetfragen erstaunlich schnell erledigte.

„Ich wollte nur die finalen Dateien vorbeibringen“, sagte er. „Und fragen, warum Sie um diese Zeit noch hier sind.“

„Weil ich die Chefin bin“, sagte Katrin. „Das ist die kurze Antwort.“

„Und die lange?“

Sie sah ihn an, länger, als es in einem Geschäftsverhältnis üblich war. „Die lange Antwort braucht ein Getränk.“

Sie hätte ein Taxi nehmen können. Sie nahm fast immer ein Taxi. Aber Jonas schob sein Fahrrad neben ihr über den Kehrwiedersteg, und am Baumwall sagte er: „U3 bis Sternschanze. Vier Stationen. Das schaffen Sie.“ In seinem Ton lag eine kleine Herausforderung, und Katrin hatte noch nie eine Herausforderung abgelehnt.

Zwischen Baumwall und Landungsbrücken fährt die U3 oberirdisch, auf dem alten Viadukt am Hafenrand, und als der Zug aus dem Bahnhof rollte, lag plötzlich der ganze Hafen unter ihnen: die Kräne von Steinwerder, die Musicalzelte auf der anderen Elbseite, ein Containerschiff, das sich so langsam bewegte, dass man es nur am wandernden Schatten erkannte. Katrin stand an der Tür. Jonas hielt sein Rad fest und sah nicht auf den Hafen, sondern auf sie.

„Sie gucken, als hätten Sie das noch nie gesehen“, sagte er.

„Ich sehe das jeden Tag. Aber immer auf einem Bildschirm, als Auslastungskurve.“ Sie lachte. „Und hör auf, mich zu siezen. Wir fahren zusammen U-Bahn. Das verpflichtet zu nichts, aber es verpflichtet zum Du.“

„Katrin“, sagte er. Nur das. Aber wie er es sagte, mit einer winzigen Pause davor, ließ etwas in ihrem Bauch sich zusammenziehen, das sich seit Jahren nicht mehr bewegt hatte.

In St. Pauli stiegen Fußballfans zu, braune Trikots, laute Stimmen, und für zwei Stationen stand sie so dicht an Jonas gedrängt, dass sie sein Shampoo riechen konnte, irgendetwas mit Zeder. Sie hätte zurückweichen können. Sie tat es nicht.

Das Schanzenviertel an einem Freitagabend ist ein eigenes Land. Vor der Roten Flora saßen Jugendliche auf den Stufen, am Schulterblatt standen die Tische der Cafés so dicht, dass man zwischen den Gesprächen hindurchgehen musste wie durch einen Vorhang. Jonas kettete sein Rad an einen Laternenpfahl und führte sie in eine Bar in einer Seitenstraße, niedrig, holzvertäfelt, mit einer Jukebox, auf der jemand gerade Hildegard Knef gewählt hatte.

Er bestellte zwei Gin Tonic mit Gurke, ohne zu fragen, und sie ließ es geschehen, was ihr sonst nie passierte. Sie erzählte ihm von den Rotterdamer Verhandlern, die sie für die Assistentin gehalten hatten, bis sie ihnen die Kalkulation zerlegte. Er erzählte von seiner Kindheit in Dithmarschen, von Deichen und Schafen und einem Vater, der gewollt hatte, dass er Landmaschinenmechaniker wird. „Stattdessen schiebe ich Pixel herum“, sagte er. „Für Leute wie dich.“

„Für Leute wie mich“, wiederholte sie. „Was sind denn Leute wie ich?“

Er dachte nach. Er nahm sich Zeit, und sie mochte das. „Leute, die alles im Griff haben“, sagte er. „Und die abends allein im Büro stehen und sich fragen, wofür.“

Sie hätte beleidigt sein können. Stattdessen spürte sie, wie ihre Augen brannten, und sie trank schnell einen Schluck, damit er es nicht sah. Er sah es trotzdem. Er legte seine Hand neben ihre auf den Tresen, nicht darauf, nur daneben, sodass sich ihre kleinen Finger berührten.

Es war lange her, dass jemand sie so genau gesehen hatte. Ihre letzte Beziehung, ein Wirtschaftsprüfer aus Blankenese, war vor sechs Jahren an zwei Terminkalendern gestorben, leise und ohne Szene, wie eine Pflanze, die niemand gießt. Seitdem hatte es Geschäftsessen gegeben, Messen in Shanghai und Dubai, Hotelzimmer mit Blick auf Parkhäuser. Männer hatten sie angesehen, gewiss, aber meistens so, wie man eine Bilanz ansieht: prüfend und mit einer gewissen Vorsicht. Jonas sah sie an, als wäre sie eine Überraschung.

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„Ich bin siebzehn Jahre älter als du“, sagte sie leise.

„Ich kann rechnen. Hab ich auf der Designschule sogar gelernt.“

„Ich meine es ernst, Jonas.“

„Ich auch.“ Er drehte sich auf dem Hocker zu ihr. „Ich sitze seit zwei Monaten in euren Meetings und höre dir zu. Wie du redest. Wie du Leute ansiehst, wenn sie Unsinn erzählen. Ich finde das nicht alt. Ich finde das ziemlich aufregend.“

Die Jukebox wechselte zu etwas Langsamem, Französischem. Katrin sah auf den schmalen Ring an ihrem Mittelfinger, den sie sich zum vierzigsten Geburtstag selbst geschenkt hatte, weil es sonst niemand getan hatte. Sie dachte an die Aufsichtsratssitzung am Montag, an die Frage, was man im Büro sagen würde. Dann dachte sie, dass Montag noch sehr weit weg war.

„Weißt du, was ich heute noch nicht gemacht habe?“, fragte sie.

„Gefeiert?“

„Etwas getan, das nicht in meinem Kalender steht.“

Draußen war die Luft kühl geworden, und vom Neuen Pferdemarkt wehte der Geruch von Pommes und Regen herüber. Sie gingen nebeneinander das Schulterblatt hinunter, sein Rad zwischen ihnen wie ein letzter Anstandsabstand. An der Ecke zur Susannenstraße blieb er stehen. „Ich wohne da oben“, sagte er und zeigte auf ein Fenster im dritten Stock, hinter dem eine Lichterkette schimmerte. „Es ist klein. Es ist nicht aufgeräumt. Und ich würde dich trotzdem gern einladen.“

Katrin sah hinauf zu diesem Fenster, das so gar nichts mit ihrer Wohnung am Dalmannkai zu tun hatte, mit dem Elbblick und den Designermöbeln, auf denen nie jemand saß. Dann sah sie ihn an, den jungen Mann mit den ungekämmten Locken, der ihrer Firma ein neues Gesicht gegeben hatte und ihr gerade ein altes zurückgab.

„Heute Abend“, sagte sie. „Nur heute Abend. Und dann sehen wir weiter.“

„Heute Abend reicht mir völlig“, sagte er, und seine Stimme war rau.

Die Treppe war steil und roch nach frischer Farbe, jemand renovierte im zweiten Stock. Oben schob er die Tür mit der Schulter auf, und bevor er das Licht anmachen konnte, drehte sie sich zu ihm um und küsste ihn, so entschlossen, wie sie Verträge unterschrieb. Der Helm fiel ihm aus der Hand und landete irgendwo im Dunkeln mit einem hohlen Geräusch. Keiner von beiden hob ihn auf. Die Tür schloss sich hinter ihnen, und der Rest dieser Nacht stand in keinem Kalender der Welt.

Am Morgen lag sie wach, bevor er aufwachte, und betrachtete die Zimmerdecke mit der Stuckrosette und dem Wasserfleck in der Ecke, der aussah wie Helgoland. Ihr Handy lag irgendwo in der Küche. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie es vor dem Einschlafen nicht noch einmal geprüft. Sie fühlte sich leicht, beinahe übermütig, als hätte sie in der Nacht einen Teil von sich wiedergefunden, den sie vor langer Zeit in einer Lagerhalle in Billbrook abgestellt hatte.

Jonas öffnete ein Auge. „Du bist noch da.“

„Ich bin noch da“, sagte sie. „Und ich habe Hunger. Kennst du ein Frühstück, bei dem man Wasser sieht?“

Eine Stunde später saßen sie in Övelgönne am Elbstrand, Kaffee in Pappbechern, Franzbrötchen in einer fettigen Tüte, und ein Containerschiff glitt so nah vorbei, dass die Wellen noch lange danach an den Sand schlugen. Katrin zog die Schuhe aus und grub die Zehen in den kalten Sand.

„Und jetzt?“, fragte er.

Sie sah dem Schiff nach, bis es hinter der Biegung bei Teufelsbrück verschwand. „Jetzt“, sagte sie, „schicke ich dir am Montag eine sehr sachliche Mail wegen der Dateien. Und am Freitag fahre ich wieder U3.“

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